Rede von Ufuk Cakir, dem Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschlands,                          zur Verleihung der Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. (Landtag NRW, 10.12.2020)

Heute hier vor dem Landtag NRW, dem Hause der Demokratie, zu diesem für uns bedeutenden Anlass sein zu dürfen, ist für uns ein besonderes Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung - und es ist auch noch mehr. Es ist ein sichtbarer Ausdruck unserer Teilhabe. Der Teilhabe an der Gestaltung religiöser Vielfalt, aber auch der Teilhabe an der Gestaltung des sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhalts in dieser Gesellschaft.

 

Ein Zeichen dafür, dass nun den Bedarfen und Perspektiven der Alevitinennen und Aleviten hier in diesem Lande ein besonderer Rahmen geboten und gegeben wird.

 

Als Alevitinnen und Aleviten sind wir im Herkunftsland geprägt von der historischen Erfahrung des Nicht-Sichtbarseins, des Nicht-Dazugehörens und auch der Verfolgung. Über Jahrhunderte mussten Alevitinnen und Aleviten ihren Glauben geheim ausleben und ihre Identität aus Angst vor Stigmatisierung verbergen. Diese Erfahrung gehört zu unserer Geschichte, sie ist aber nur eine Seite – wenngleich eine sehr Prägende.

 

Mit der Arbeitsmigration in den 60er Jahren und den Fluchtbewegungen in den 80er Jahren aus der Türkei in die Länder Europas und hier vor allem nach Deutschland konnten unter dem Schutz der freiheitlich-demokratischen Grundordnung Alevitinnen und Aleviten eine ganz andere Erfahrung machen - die Erfahrung nämlich, den Glauben frei zu leben.

 

Mit dieser Erfahrung war ein tiefgreifender Öffnungs- und Wandlungsprozess verbunden: Eine Rückbesinnung auf die religiösen und kulturellen Wurzeln des Alevitentums konnte in Sichtbarkeit gelebt werden.

 

Diese erst sehr junge Erfahrung der letzten 30 Jahren ermutigte Viele zur Gründung von eigenen Gemeinden und führte 1989 zur Gründung der Alevitischen Gemeinde Deutschland. Die AABF ist die Dachorganisation der in Deutschland lebenden Alevitinnen und Aleviten und vertritt die Interessen der deutschlandweit 160 Mitgliedsgemeinden. Sie ist eine der größten von Menschen mit Migrationshintergrund gegründeten Organisationen in der Bundesrepublik und zählt zu den großen Religionsgemeinschaften in Deutschland.

 

Zur Verbandsstruktur gehören neben dem Jugendverband (BDAJ) auch der Bund der Alevitischen Frauen, der Geistlichenrat sowie der Bund der Alevitischen Studierenden.

 

Mit diesem nur kursorischen Rückblick möchte ich vor allem eines betonen: Die im Grundgesetz verbürgten Freiheits- und Gleichheitsrechte sind von unschätzbarem Wert, die wir vor dem Hintergrund unserer eigenen Geschichte, aber auch vor dem Hintergrund unseres individuellen Lebens in diesem Land verteidigen wollen und tagtäglich immer energischer verteidigen müssen.

Deutschland ist für uns ein Ort der Freiheit. - Es ist eine neue Heimat geworden, in der wir uns wohl fühlen, uns integriert haben und in der wir Anerkennung finden: Als Menschen, als Religionsgemeinschaft und als Kultur.

 

Im September letzten Jahres haben wir das 30-jährige Bestehen der Alevitischen Gemeinde Deutschland gefeiert. Bewusst haben wir diese Veranstaltung unter das Motto „Einheit in Vielfalt“ gestellt.

 

Die Einheit in Vielfalt zu leben, ist ein hohes Menschengut und sie ist anspruchsvoll. Sie verlangt Toleranz und Respekt und bringt uns auch manchmal an unsere Grenzen, aber es nicht tagtäglich neu zu wagen, hieße, jenen Kräften das Terrain zu überlassen, die sich auf dieses Wagnis nicht einlassen. Wir sind dankbar und froh, dass wir durch unsere Arbeit – ob in interreligiösen Dialogforen oder durch unsere interkulturelle Projektarbeit – einen kleinen Beitrag dazu leisten können, dass „Einheit in Vielfalt“ nicht zu einer Floskel verkommt, sondern eine lebenswerte Welt ausmacht, die wir gestalten wollen.

 

Ganz konkret tun wir dies mit unseren Projekten, durch die Ausbildung von Demokratieberatern und -beraterinnen, die durch die ihre Arbeit Ungleichwertigkeitsideologien entgegenwirken und so einen Beitrag für eine demokratische Kultur und ein friedliches Miteinander in der Einwanderungsgesellschaft leisten.

 

Wir tun dies durch Projekte, indem kontroverse Debatten, divergierende Meinungen und Haltungen bis hin zu diskriminierenden und gewalttätigen Formen der Auseinandersetzung benannt und thematisiert werden. Wir tun dies, indem wir in einem konstruktiven Diskurs des miteinander Redens und auch des Streitens Handlungs- und Konfliktlösungsstrategien erörtern, die für ein Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft der Vielfalt unabdingbar sind.

 

Wir tun dies auch durch Projekte, indem wir alevitischen Geistlichen in der Seelsorge qualifizieren. Indem wir seelsorgerischen Beistand für Alevitinnen und Aleviten in Kliniken, Hospizen und Justizvollzugsanstalten anbieten.

Zur einer der wichtigsten Errungenschaften der AABF zählt in diesem Zusammenhang auch der Alevitische Religionsunterricht. Dieser wird seit dem Jahr 2002 in Deutschland erteilt – in NRW und vielen anderen Bundesländern. Lebendig und lebhaft kann der Alevitische Religionunterricht nur bleiben, wenn die universitäre Garantenstellung gegeben ist.

 

Daher verzeichnen wir es als einen großen Erfolg, dass die Alevitische Theologie an deutschen Universitäten vertreten ist. An der PH Weingarten, an der Uni Hamburg und sehr bald an der Uni Tübingen.

 

Denn die Etablierung der Alevitischen Theologie an Universitäten bestätigt und bekräftigt den Wunsch, die Freiheit der Religionsausübung der hierzulande lebenden Menschen alevitischen Glaubens als Teil einer pluralen und weltoffenen Gesellschaft.

 

Als Menschen,

als Religionsgemeinschaft und

als Akteure,

die sich für die Integration und für ein friedliches Miteinander der Religionen und Lebensanschauungen einsetzen haben wir als Alevitische Gemeinde Deutschland die lebendige und vielfältige Gemeinschaft von Kulturen, Traditionen und Religionen in unserem Land mitgestaltet und bereichert. Als Körperschaft in der Form eines Vereins hat unser Engagement und unsere Arbeit die Sichtbarkeit und die Wertschätzung erfahren.

 

Nun erhält die Alevitische Gemeinde Deutschland als anerkannte Religionsgemeinschaft die höchste Form der gesellschaftlich-juristischen Anerkennung. Die Verleihung der Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.

 

In dem Bewusstsein, dass die hierzulande lebenden Menschen alevitischen Glaubens dauerhaft einen Teil der Bevölkerung der Region bilden und ihr gelebter Glaube zu einem festen Bestandteil des religiösen Lebens im Land geworden ist, erleben wir nun ein historisches Ereignis.

 

Die Verleihung der Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts ist uns ein großer Ansporn und sogar noch mehr: Sie ist uns eine Verpflichtung. Die Verpflichtung, auch zukünftig unser ganzes Tun

und Engagement dafür einzusetzen, dass wir die Vielfalt der Gesellschaft gegen die Einfalt des Denkens schützen und noch intensiver dafür einsetzen, dass unsere Gesellschaft frei und offen bleibt.

 

Herzlichen Dank.

 

Düsseldorf, 10.12.2020

 

Ufuk Çakır 

Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschland e.V. (AABF)